Ein Radmarathon ist kein längeres Sonntagsausfahrt-Plus. 120 bis 180 Kilometer, 2.000 bis 4.000 Höhenmeter und vier bis acht Stunden im Sattel stellen Anforderungen, die sich vom Kriterium oder der RTF grundlegend unterscheiden. Die gute Nachricht: Mit einer klaren Wochenstruktur, gezieltem Klettertraining und einer geübten Ernährungsstrategie ist die erste Gran Fondo für jeden gesunden Hobbyfahrer erreichbar.
Was das Radmarathon Training besonders macht
Anders als bei einem Kriterium entscheidet beim Radmarathon nicht die Spitzenleistung, sondern die Fähigkeit, über viele Stunden eine hohe, gleichmäßige Leistung zu halten. Drei Faktoren prägen das Training:
- Dauer: Vier bis acht Stunden Belastung bedeuten, dass die aerobe Grundlage und die Energieversorgung über den Ausgang entscheiden — nicht das maximale Watt-Potenzial.
- Höhenmeter: Die meisten Gran Fondos führen über Pässe. Wer am Berg systematisch zu viel Watt drückt, zahlt das im letzten Drittel mit Zinsen zurück. Klettertraining und Pacing sind Pflichtprogramm.
- Ermüdungsresistenz: Nach fünf Stunden fühlt sich der Schwellenbereich anders an als nach einer Stunde. Lange Ausfahrten mit Tempoblöcken am Ende trainieren genau das.
Die Wochenstruktur im Radmarathon Training
Ein wirksamer Plan für die erste Gran Fondo braucht keine 15 Stunden pro Woche. Mit 6 bis 9 Stunden, klar verteilt, kommst du ans Ziel. Der Aufbau folgt einem bewährten Rhythmus: drei Wochen steigender Belastung, dann eine Entlastungswoche mit rund 60 % des Volumens. Die Wochenzunahme liegt bei höchstens 10 % — mehr fordert Sehnen und Immunsystem unnötig heraus. Das Rückgrat bilden drei Bausteine:
1. Die lange Ausfahrt
Einmal pro Woche, meist am Wochenende. Sie startet bei etwa drei Stunden und wächst im Aufbau auf vier bis fünf Stunden — idealerweise mit einem Höhenmeterprofil, das dem Zielrennen ähnelt. Das Tempo bleibt größtenteils im Grundlagentempo (GA1, etwa 60–75 % der FTP). Alle drei bis vier Wochen folgt eine Entlastungswoche mit deutlich verkürzter Ausfahrt.
2. Sweet-Spot- und Tempoeinheiten
Ein- bis zweimal pro Woche wird gezielt intensiv gefahren. Sweet-Spot-Intervalle (88–94 % der FTP, etwa 2 × 20 bis 3 × 15 Minuten) sind der effizienteste Hebel für den Radmarathon: Sie heben die Schwelle, ohne die Erschöpfung maximaler Intervalle zu erzeugen — wichtig, weil die lange Ausfahrt am Wochenende Qualität braucht. Ergänzend lohnen sich Tempoblöcke (80–85 % FTP) von 30 bis 60 Minuten am Stück, die das „Dranbleiben“ in einer schnellen Gruppe simulieren.
3. Krafttraining
30 bis 45 Minuten pro Woche reichen: Kniebeugen, Ausfallschritte, Rumpfstabilität und Übungen für den unteren Rücken. Wer fünf Stunden auf dem Rad sitzt, braucht einen stabilen Core — die meisten Rückenschmerzen auf langen Distanzen sind ein Kraftproblem, kein Sitzproblem.
Klettertraining: Der Schlüssel für die Berge
Steht eine Gran Fondo mit Pässen auf dem Programm, gehört Bergtraining fest in den Plan. Konkret heißt das:
- Bergwiederholungen: 3 bis 5 Wiederholungen à 8–15 Minuten im Sweet-Spot-Bereich, Trittfrequenz 70–85. Einmal pro Woche in den letzten acht Wochen vor dem Rennen.
- Wiegetritt-Übungen: Kurze Stehphasen von 30–60 Sekunden lockern die Sitzposition und verteilen die Belastung — auf langen Anstiegen Gold wert.
- Indoor-Alternative: Kein Berg in der Nähe? Auf der Rolle lassen sich Anstiege über die Trittfrequenz (niedrig, hoher Widerstand) und die Position (weit hinten sitzend) glaubwürdig simulieren.
Mindestens genauso wichtig wie das Klettern selbst ist das Pacing am Berg: Trainiere, Anstiege kontrolliert bei 80–88 % der FTP zu fahren, auch wenn sich mehr anfühlt. Der Radmarathon wird im Tal verloren, nicht am Berg gewonnen.
Ernährung auf dem Rad: Kohlenhydrate pro Stunde
Bei vier bis acht Stunden Belastung ist Fueling kein Detail, sondern die halbe Leistung. Die sportwissenschaftliche Empfehlung für lange Radrennen lautet 60 bis 90 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde, dazu 500–750 ml Flüssigkeit und 300–600 mg Natrium. Auf dem Rad geht das erfahrungsgemäß leichter als beim Laufen — der Magen wird weniger durchgeschüttelt, und feste Nahrung (Riegel, Bananen, Reiskuchen) ist meist besser verträglich.
Entscheidend ist das Darm-Training: Die hohen Mengen funktionieren nur, wenn du sie ab acht Wochen vor dem Rennen in jeder langen Ausfahrt übst — beginnend bei 40–50 g/h, gesteigert bis zur Zielmenge. Die Details zur 60–90-g-Regel, zur Glukose-Fruktose-Mischung und zu einem konkreten Stundenplan findest du in unserem Artikel Fueling beim Marathon: So viele Kohlenhydrate brauchst du wirklich — die Physiologie ist dieselbe, nur die Umsetzung auf dem Rad ist großzügiger.
Material und Position
Du brauchst für die erste Gran Fondo kein neues Rad — aber ein vernünftig eingestelltes. Drei Punkte zahlen direkt auf Komfort und Leistung ein:
- Bike-Fitting: Eine professionelle Sitzpositionseinstellung ist die beste Investition vor einem Radmarathon. Nach Stunde vier entscheidet die Position über Schmerzfreiheit — besonders bei Nacken, Händen und Satteldruck.
- Übersetzung: Für Bergstrecken lohnt eine kompakte Kurbel (50/34) mit einer 11–32er oder 11–34er Kassette. Lieber einen Gang zu leicht als einen zu schwer.
- Reifen: 28 mm mit moderatem Druck rollen auf realen Straßen schneller als 23 mm auf Maximum und federn Vibrationen ab — über sechs Stunden ein spürbarer Frischegewinn.
Alles, was am Renntag am Rad ist, sollte vorher auf einer langen Ausfahrt getestet sein: Trikottaschen-Bestückung, Satteltasche, Ernährung, Kleidung.
Tapering vor dem Radmarathon
In den letzten 10 bis 14 Tagen wird das Volumen um 40–60 % reduziert, während kurze Intensitätsreize erhalten bleiben. Konkret: Die letzte richtig lange Ausfahrt liegt zwei Wochen vor dem Rennen. In der Rennwoche gibt es zwei bis drei kurze, lockere Einheiten mit wenigen knackigen Aktivierungen (z. B. 3 × 2 Minuten Renntempo). Wer in der letzten Woche noch „Form testen“ will, verspielt sie am Start.
Häufige Fehler im Radmarathon Training
- Jede Ausfahrt zu hart. Ohne ruhige Grundlage fehlt die aerobe Basis — und die harten Einheiten leiden unter Dauermüdigkeit.
- Zu kurze lange Ausfahrten. Wer nie länger als drei Stunden trainiert, erlebt ab Stunde vier im Rennen Neuland — genau dann, wenn es zählt.
- Fueling nicht geübt. 80 g Kohlenhydrate pro Stunde muss der Darm gelernt haben. Im Rennen experimentieren endet mit Magenkrämpfen oder Einbruch.
- Am Berg überpacen. Die ersten Anstiege fühlen sich frisch leicht an. Die Rechnung kommt ab Kilometer 100 — mit Zinsen.
- Neues Material am Renntag. Neue Schuhe, neuer Sattel, ungetestete Gels: Der Renntag ist keine Experimentierbühne.
Häufige Fragen zum Radmarathon Training
Wie lange sollte man für einen Radmarathon trainieren?
Für die erste Gran Fondo sind 12 bis 16 Wochen strukturiertes Training ideal. Wer bereits regelmäßig zwei- bis dreistündige Ausfahrten absolviert, kommt mit 10 bis 12 Wochen aus. Wichtiger als die Gesamtdauer ist die Konstanz: drei bis vier Einheiten pro Woche über den gesamten Zeitraum schlagen fünf Einheiten in drei Wochen und dann eine Pause.
Wie viele Stunden pro Woche braucht man für eine Gran Fondo?
Für ein sicheres Finish bei der ersten Gran Fondo reichen 6 bis 9 Stunden pro Woche. Das Rückgrat ist die lange Ausfahrt am Wochenende, die im Aufbau von 3 auf bis zu 5 Stunden wächst. Dazu kommen eine intensive Sweet-Spot- oder Tempoeinheit, eine lockere Fahrt und 30 bis 45 Minuten Krafttraining.
Was sollte man beim Radmarathon essen und trinken?
Bei Belastungen über vier Stunden sind 60 bis 90 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde der Richtwert, dazu 500 bis 750 ml Flüssigkeit und 300 bis 600 mg Natrium pro Stunde. Gels mit einem Glukose-Fruktose-Verhältnis von 1:0,8 ermöglichen die hohen Aufnahmemengen. Die Strategie muss ab acht Wochen vor dem Rennen in jeder langen Ausfahrt geübt werden.
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