Ein Marathon frisst Kohlenhydrate — mehr, als dein Körper normalerweise speichert. Genau hier setzt Carb Loading an: Mit der richtigen Ernährung in den letzten zwei Tagen vor dem Rennen füllst du deine Glykogenspeicher über das normale Niveau hinaus und schiebst den Punkt, an dem die Energie ausgeht, weit nach hinten — oder ganz aus dem Rennen. Die gute Nachricht: Das klassische sechstägige Protokoll mit Entleerungsphase ist längst überholt, 36 bis 48 Stunden genügen. Du erfährst, wie das moderne Protokoll funktioniert, was auf den Teller gehört und welche Fehler die Wirkung zunichtemachen.
Was Carb Loading bewirkt
Glykogen ist die Speicherform der Kohlenhydrate: Etwa 400 bis 500 Gramm in der Muskulatur plus rund 100 Gramm in der Leber stehen bei normaler Ernährung zur Verfügung. Ein Marathon bei Wettkampftempo verbrennt überwiegend Kohlenhydrate — bei 70 Kilogramm Körpergewicht und einer Zielzeit um 3:30 Stunden brauchst du grob 2.300 bis 2.500 Kilokalorien, davon je nach Tempo 80 bis 90 Prozent aus Glykogen und Blutzucker. Die Rechnung geht ohne Vorbereitung nicht auf: Genau deshalb trifft der berühmte Mann mit dem Hammer so viele Läufer zwischen Kilometer 30 und 35, wenn die Speicher zur Neige gehen.
Carb Loading nutzt die Superkompensation: Kombinierst du in den letzten Tagen vor dem Rennen stark reduziertes Training mit hoher Kohlenhydratzufuhr, laden die Muskeln bis zum Doppelten ihres normalen Glykogengehalts ein. Studien zeigen für Renndauern über 90 Minuten Leistungsgewinne von 2 bis 3 Prozent — auf einen 3:30-Marathon gerechnet sind das vier bis sechs Minuten, ohne einen einzigen Tag härter zu trainieren.
Das moderne Protokoll: 36–48 Stunden statt 6 Tage
Das klassische Protokoll aus den 1960er-Jahren — drei Tage Entleerung mit hartem Training und kohlenhydratarmer Kost, danach drei Tage Laden — funktioniert zwar, ist aber unnötig brutal und fehleranfällig. Eine australische Studie aus dem Jahr 2002 (Bussau und Kollegen) zeigte: Ein einziger Tag mit 10 Gramm Kohlenhydraten pro Kilogramm Körpergewicht bei kompletter Trainingspause füllt die Speicher auf das Maximum. Die Entleerungsphase ist überflüssig.
Das moderne Protokoll sieht so aus:
- 48 bis 36 Stunden vor dem Start: Training auf minimale Bewegung reduzieren und die Kohlenhydratzufuhr auf 10–12 g/kg pro Tag erhöhen.
- Auf 6 bis 8 kleinere Mahlzeiten verteilen statt auf drei große — der Magen dankt es, und die Speicher füllen sich gleichmäßig.
- Fett und Ballaststoffe herunterfahren, damit die Gesamtmenge essbar bleibt und der Verdauungstrakt am Renntag ruhig ist.
Für 70 Kilogramm Körpergewicht heißt das 700 bis 840 Gramm Kohlenhydrate pro Tag — eine Menge, die sich ohne Plan kaum erreichen lässt. 100 Gramm gekochte Nudeln liefern etwa 30 Gramm Kohlenhydrate, eine Banane 23, 150 Gramm gekochter Reis rund 40. Ohne kompakte, ballaststoffarme Quellen wie Weißbrot, Reis, Saft und Marmelade wird es schwierig.
Die letzte Woche im Überblick
Carb Loading ist der letzte Baustein des Taperings: Erst die Umfangsreduktion in den letzten 10 bis 14 Tagen schafft die Voraussetzung, dass die Muskeln Glykogen einlagern, statt es sofort wieder zu verbrennen. Wer parallel weiter Vollgas trainiert, lädt in einen löchrigen Eimer. Auf der Ernährungsseite sieht die Rennwoche so aus:
- Bis 4 Tage vor dem Rennen: normale, ausgewogene Ernährung — etwa 5 bis 7 g/kg pro Tag.
- Tag −3: Übergang — Kohlenhydrate schrittweise erhöhen, Ballaststoffe reduzieren.
- Tag −2 und −1: volles Protokoll mit 10–12 g/kg pro Tag.
- Renntag: Frühstück drei bis vier Stunden vor dem Start, danach Gels ab etwa Kilometer 10 — der Verpflegungsplan im Rennen folgt dem Fueling für den Marathon.
Was auf den Teller kommt
Die entscheidende Umstellung ist nicht „mehr essen“, sondern „dichter essen“: viele Kohlenhydrate pro 100 Gramm Lebensmittel, wenig Ballaststoffe, wenig Fett. Bewährt haben sich:
- Weißbrot, Semmeln und Zwieback mit Honig oder Marmelade
- weißer Reis, helle Pasta, Couscous und Kartoffeln
- Cornflakes und andere helle Cerealien mit Milch oder Joghurt
- Bananen, Datteln, Apfelmus, Fruchtsäfte und Softdrinks
- Reiswaffeln, Grießbrei und Pfannkuchen
Gemieden werden Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, große Mengen rohes Gemüse, fettreiche Soßen und sehr fettes Fleisch — sie liefern zu viele Ballaststoffe beziehungsweise verzögern die Magenentleerung. Wer mit einem nervösen Magen kämpft, deckt einen Teil der Menge über Getränke: Ein Liter Apfelsaft bringt rund 110 Gramm Kohlenhydrate, ohne zu füllen.
Ein Beispieltag für 70 Kilogramm (rund 720 g Kohlenhydrate): Frühstück Cornflakes mit Milch, Banane und Honig (~120 g); Snack Weißbrot mit Marmelade und Saft (~80 g); Mittagessen ein großer Teller Reis mit magerem Hähnchen (~130 g); Nachmittag Reiswaffeln mit Honig und Apfelsaft (~90 g); Abendessen Pasta mit Tomatensoße und Zwieback (~140 g); vor dem Bett Grießbrei mit Apfelmus (~80 g). Dazu über den Tag verteilt etwa 1,5 Liter Saftschorle. Trinken nicht vergessen — Glykogen wird zusammen mit Wasser eingelagert, die Details stehen im Artikel über Hydration beim Laufen.
Der Renntag: das Frühstück als letzte Ladung
Drei bis vier Stunden vor dem Start isst du 1 bis 4 Gramm Kohlenhydrate pro Kilogramm — bei 70 Kilogramm also 70 bis 280 Gramm, je nach Magenverträglichkeit und Startzeit. Bewährt sind Weißbrot mit Honig, Haferbrei mit Banane oder Reis mit einer Prise Salz. Fett und Protein nur sparsam, nichts Unbekanntes, nichts Experimentelles. Bis 60 Minuten vor dem Start kleine Schlucke Sportgetränk, danach keine großen Mengen mehr. Und die wichtigste Regel: Alles, was am Renntag auf den Tisch kommt, gehört vorher in langen Läufen getestet — diese Generalprobe ist fester Bestandteil jeder Marathon-Vorbereitung.
Häufige Fehler beim Carb Loading
- Zu kurz laden. Ein einziges kohlenhydratreiches Abendessen am Vorabend — die klassische „Pasta-Party“ — füllt die Speicher nicht. Das Protokoll braucht 36 bis 48 Stunden.
- Nur mehr vom Gleichen essen. Wer einfach die Portionen seiner üblichen Vollkorn-Kost verdoppelt, landet bei einem Blähbauch statt voller Speicher. Dichte, ballaststoffarme Quellen wählen.
- Weiter hart trainieren. Jeder Tempolauf in der Rennwoche verbrennt das Glykogen, das eingelagert werden soll. Ruhe ist Teil des Protokolls, kein Verzicht.
- Neue Lebensmittel ausprobieren. Die Rennwoche ist kein Zeitpunkt für Experimente — weder für exotische Pasta noch für unbekannte Gels und Getränke.
- Panik wegen der Waage. Ein bis zwei Kilogramm mehr in den letzten Tagen sind normal und gewollt — Wasser, das an das Glykogen gebunden ist, kein Fett.
Carb Loading bei Halbmarathon und kürzeren Distanzen
Carb Loading zahlt sich erst aus, wenn Glykogen der limitierende Faktor ist — grob ab 90 Minuten Wettkampfdauer. Ein Halbmarathon unter 1:45 Stunden läuft bei normaler Ernährung komplett aus den normalen Speichern; das volle Protokoll bringt hier nichts außer unnötigem Gewicht. Ab etwa 1:45 bis 2 Stunden — für viele Freizeitläufer genau der Halbmarathon — lohnt eine abgeschwächte Variante: 7 bis 10 g/kg am Vortag plus ein kohlenhydratreiches Frühstück am Renntag. Für 10-Kilometer-Läufe und kürzere Distanzen ist Carb Loading schlicht unnötig; dort entscheiden Pace-Strategie und Tagesform, nicht der Speicherstand.
Wie Peakora dein Carb Loading mitplant
Der Fueling-Rechner in Peakora denkt die Rennwoche mit: Auf Basis deiner geschätzten Wettkampfzeit bekommst du einen konkreten Plan für Kohlenhydrate, Natrium und Flüssigkeit am Renntag — und in der Tapering-Phase davor die Erinnerung, die Speicher rechtzeitig zu füllen. So wird aus der Faustregel „10 bis 12 Gramm pro Kilogramm“ ein konkreter Essens- und Verpflegungsplan statt Pi mal Daumen am Start.
Häufige Fragen zum Carb Loading
Wie viele Kohlenhydrate brauche ich beim Carb Loading?
10 bis 12 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag in den letzten 36 bis 48 Stunden vor dem Rennen. Bei 70 Kilogramm sind das 700 bis 840 Gramm täglich — erreichbar nur über kompakte Quellen wie Weißbrot, Reis, helle Pasta, Bananen und Fruchtsäfte.
Wie lange vor dem Rennen startet das Carb Loading?
36 bis 48 Stunden genügen. Studien zeigen, dass ein einziger Tag mit 10 g/kg Kohlenhydraten bei Trainingspause die Glykogenspeicher maximiert. Die klassische mehrtägige Entleerungsphase ist überflüssig.
Warum nehme ich beim Carb Loading zu?
Jedes Gramm Glykogen bindet rund drei Gramm Wasser. Ein bis zwei Kilogramm Gewichtszunahme in den letzten Tagen sind normal, gewollt und kein Fett — das Wasser steht dir am Renntag sogar als Flüssigkeitsreserve zur Verfügung.
Lohnt sich Carb Loading beim Halbmarathon?
Erst ab etwa 90 Minuten Wettkampfdauer. Schnellere Halbmarathon-Läufer brauchen kein volles Protokoll; ab 1:45 Stunden lohnt eine abgeschwächte Variante mit 7–10 g/kg am Vortag. Für 10 km und kürzer ist Carb Loading unnötig.
Was esse ich am Morgen des Marathons?
Drei bis vier Stunden vor dem Start 1 bis 4 Gramm Kohlenhydrate pro Kilogramm Körpergewicht — fett- und ballaststoffarm, zum Beispiel Weißbrot mit Honig oder Haferbrei mit Banane. Nur Bekanntes essen, das du in langen Läufen getestet hast.
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