Die meisten Verletzungen im Ausdauersport entstehen nicht durch eine einzelne harte Einheit, sondern durch eine Belastung, die zu schnell gestiegen ist. Das Acute:Chronic Workload Ratio — kurz ACWR — macht genau das sichtbar: Es vergleicht, was du diese Woche trainierst, mit dem, was dein Körper in den letzten Wochen gewohnt war. Richtig genutzt, ist es ein einfaches Frühwarnsystem gegen Überlastung.

Was ist die Acute:Chronic Workload Ratio?

Die ACWR setzt zwei Zeiträume ins Verhältnis: die akute Belastung (typischerweise der Durchschnitt der letzten 7 Tage) und die chronische Belastung (der rollierende Wochendurchschnitt der letzten 28 Tage). Die Idee dahinter: Die chronische Belastung steht für das, wofür dein Körper aktuell gebaut ist — Sehnen, Knochen, Stoffwechsel und Herz-Kreislauf-System passen sich über Wochen an, nicht über Tage. Die akute Belastung ist das, was du ihm gerade zumutest.

Liegen beide nahe beieinander (Quotient um 1,0), bewegst du dich im gewohnten Rahmen. Springt die akute Belastung deutlich über das chronische Niveau — etwa nach einem Trainingslager, einer „Nachholwoche" oder dem Ehrgeiz-Start in eine neue Saison — steigt statistisch das Risiko für Überlastungsbeschwerden und Verletzungen. Genau diesen Sprung macht die ACWR als Zahl greifbar.

So berechnest du deine ACWR

Die Formel ist simpel: ACWR = akute Wochenbelastung ÷ durchschnittliche Wochenbelastung der letzten 4 Wochen. Der kritische Schritt ist die Wahl des Belastungsmaßes:

  • sRPE (Session-RPE): Trainingsminuten multipliziert mit dem subjektiven Belastungsempfinden auf einer Skala von 1–10. 60 Minuten bei RPE 6 ergeben 360 Einheiten. Funktioniert ohne jede Technik und ist erstaunlich valid.
  • TSS (Training Stress Score): Belastung aus Herzfrequenz- oder Wattdaten, objektiv und sportartübergreifend vergleichbar. Wie der TSS berechnet wird, erklärt der Artikel zum Training Stress Score.
  • Kilometer oder Höhenmeter: möglich, aber blind für Intensität — 30 lockere Kilometer wiegen anders als 30 Kilometer Intervalle. Nur als Notlösung.

Rechenbeispiel: Deine letzten vier Wochen lagen bei 3.200, 3.400, 3.100 und 3.300 sRPE-Einheiten — chronische Belastung also 3.250. Diese Woche stehen 4.100 Einheiten auf dem Plan. ACWR = 4.100 ÷ 3.250 = 1,26. Das ist ambitioniert, aber noch im sicheren Bereich. Bei 5.000 Einheiten läge die ACWR bei 1,54 — klar in der Risikozone.

Der Sweet Spot: 0,8 bis 1,3

Aus der Forschung im Teamsport (v. a. Gabbett 2016) hat sich ein Richtwert etabliert:

  • Unter 0,8: Du trainierst deutlich unter deinem gewohnten Niveau — sinnvoll in Regenerationswochen und beim Tapering, aber auf Dauer verlierst du die Anpassung, auf der deine chronische Belastung beruht.
  • 0,8–1,3: Der „Sweet Spot". Die Belastung steigt moderat (oder fällt kontrolliert), die Anpassungsrate des Körpers kommt mit. Für den längerfristigen Aufbau gelten Werte um 1,1–1,25 als produktiv.
  • 1,3–1,5: Graubereich. Einzelne Wochen hier drin sind okay — etwa ein Trainingslager —, aber nicht mehrere hintereinander.
  • Über 1,5: Risikozone. Die Wochenbelastung liegt 50 % über dem Gewohnten; in den Studien stieg hier das Verletzungsrisiko in der Folgewoche deutlich an.

Wichtig: Die ACWR sagt etwas über Belastungssprünge aus, nicht über absolute Härte. Wer konstant sehr hoch trainiert, hat eine „schöne" ACWR um 1,0 — und kann trotzdem Richtung Übertraining laufen, wenn die Erholung nicht stimmt.

Praxis: Die 10-Prozent-Regel endlich ersetzen

Die alte Faustregel „nie mehr als 10 % Umfangsteigerung pro Woche" ist ein Spezialfall der ACWR: Wer jede Woche gleich viel trainiert und dann 10 % drauflegt, landet bei einer ACWR von etwa 1,1. Die ACWR ist aber flexibler und ehrlicher, weil sie den Verlauf der letzten vier Wochen einbezieht:

  • Nach einer ruhigen Woche ist +10 % schon zu viel — weil die chronische Belastung gesunken ist. Die ACWR zeigt das; die 10-Prozent-Regel nicht.
  • Nach einer überzogenen Woche kann die nächste Woche auch mal 20 % unter dem Vorwert liegen und trotzdem sinnvoll sein (Entlastungswoche, ACWR ~0,8).
  • Wiedereinstieg nach Pause: Nach zwei Wochen Urlaub ist deine chronische Belastung fast halbiert. „Normal weitertrainieren" produziert dann eine ACWR von 1,8 und mehr — der klassische Moment für Zerrungen und Reizungen. Besser: zwei Wochen mit 60–70 % des alten Niveaus wieder hochfahren.

Praktisch heißt das: Plane deine Wochenbelastung so, dass die ACWR in Aufbauwochen zwischen 1,05 und 1,25 bleibt und in Entlastungswochen auf 0,7–0,85 fällt. Damit hast du automatisch eine sinnvolle Periodisierung mit Wellenstruktur — ohne sie bewusst designen zu müssen.

So sieht eine solche Welle konkret aus: Ausgangsniveau 3.000 Einheiten pro Woche. Woche 1: 3.300 (ACWR 1,08). Woche 2: 3.550 (1,11). Woche 3: 3.800 (1,12). Woche 4: Entlastung mit 2.400 Einheiten (0,69) — bewusst unter dem Sweet Spot, weil genau hier die Anpassung der drei Aufbauwochen stattfindet. Danach startet der nächste Block auf höherem Niveau: Die chronische Belastung ist inzwischen auf etwa 3.300 geklettert, Woche 5 darf also mit 3.600 beginnen, ohne die 1,3 zu reißen. Über zwölf Wochen ergibt das eine Steigerung von 3.000 auf rund 3.800 Einheiten — über 25 % mehr Trainingskapazität, ohne dass eine einzige Woche in der Risikozone lag.

Grenzen der ACWR — was die Zahl nicht sieht

Die ACWR ist nützlich, aber sie ist kein Orakel. Drei blinde Flecken solltest du kennen:

  • Sie ist wissenschaftlich umstritten. Die klassische 7:28-Tage-Teilung mit einfachen Durchschnitten („rolling average") wird in der Methodik-Debatte kritisiert; Modelle mit exponentieller Gewichtung (EWMA) beschreiben An- und Abpassung realistischer. Die Zonen 0,8–1,3 sind Daumenwerte, keine Naturgesetze.
  • Sie ignoriert die Zusammensetzung. Zwei Wochen mit identischem Load können völlig verschieden wirken: 80 % ruhig plus zwei harte Reize ist etwas anderes als sieben Tage Dauergrau. Die Intensitätsverteilung nach dem 80/20-Prinzip bleibt eine eigene Baustelle.
  • Sie ignoriert nicht-trainingsbedingten Stress. Schlafmangel, Job-Stress und Ernährung verändern, wie viel Belastung du verträgst. Ergänzend lohnt ein Blick auf die Herzfrequenzvariabilität als Erholungsindikator.

Häufige Fehler bei der Belastungssteuerung

  • Die Nachhol-Falle. Eine ausgefallene Woche wird „reingeholt", indem das Pensum verdoppelt wird — ACWR jenseits von 1,8. Verfallenes Training ist verfallen; der Plan geht ab heute weiter, nicht rückwirkend.
  • Trainingslager ohne Anschlusswoche. Nach einer Lagerwoche mit hohem Load muss die Folgewoche deutlich ruhiger ausfallen — sonst kippt die Rechnung genau dann, wenn der Körper die Anpassung umsetzen will.
  • Die Zahl gegen das Gefühl ausspielen. Eine ACWR von 1,2 „erlaubt" nichts, wenn Schleimhäute, Schienbein oder Schlaf schon streiken. Die ACWR ist eine Ampel, kein Freifahrtschein.
  • Load über Sportarten falsch addieren. Laufen belastet Sehnen und Knochen stärker als Radfahren bei gleichem sRPE. Multisportler sollten den Lauf-Anteil in der Rechnung etwas höher gewichten.

Wie Peakora deine Belastung steuert

Peakora nutzt dasselbe Grundprinzip, aber mit dem moderneren Instrumentarium: Statt starrer 7:28-Quotienten rechnet der Form-Monitor mit exponentiell gewichteten Belastungs- und Ermüdungswerten (CTL/ATL) und macht daraus deine Tagesform (TSB). Die Engine plant die Wochenbelastung so, dass Sprünge über dem gewohnten Niveau vermieden werden — Aufbauwochen steigen moderat, jede vierte Woche ist Entlastung. Erkennt der Regenerations-Monitor sinkende Form oder schlechte Erholung, verschiebt die adaptive Planung die nächste harte Einheit, bevor die ACWR überhaupt problematisch wird. Begriffe wie CTL, ATL und TSB erklärt übrigens das Trainings-Lexikon.

Häufige Fragen zur ACWR

Was ist ein guter ACWR-Wert?

Ein ACWR zwischen 0,8 und 1,3 gilt als sichere Zone („Sweet Spot"): Die aktuelle Wochenbelastung liegt damit nahe am langfristigen Niveau. Werte über 1,5 gelten als Risikozone, weil die Belastung deutlich schneller steigt, als der Körper angepasst ist.

Wie berechne ich die ACWR?

Teile die durchschnittliche Belastung der letzten 7 Tage (akut) durch die durchschnittliche Wochenbelastung der letzten 28 Tage (chronisch). Als Belastungsmaß dient zum Beispiel Trainingsminuten mal Belastungsempfinden (sRPE) oder der Training Stress Score (TSS).

Ist die ACWR wissenschaftlich belegt?

Teilweise: Mehrere Studien aus dem Teamsport zeigen einen Zusammenhang zwischen hohen ACWR-Werten und Verletzungsrisiko, doch die Methode ist umstritten — insbesondere die 7:28-Tage-Teilung. Als grobe Orientierung ist sie nützlich, als alleinige Steuerungsgröße zu grob.

Gilt die ACWR auch für Radsport und Triathlon?

Ja. Das Prinzip ist sportartunabhängig; im Radsport funktioniert es sogar präziser, weil die Belastung über Leistungsmessung (TSS aus Wattdaten) objektiv erfasst wird statt über subjektives Belastungsempfinden.

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