„Was läufst du am Sonntag?" — auf keine Frage haben Läufer so selten eine belastbare Antwort. Zu optimistische Zielzeiten enden im Einbruch auf den letzten Kilometern, zu konservative in dem Gefühl, am Zielstrich etwas verschenkt zu haben. Die gute Nachricht: Aus einer aktuellen Bestzeit lässt sich deine realistische Rennzeit mit erstaunlicher Genauigkeit berechnen — wenn man die richtige Methode kennt und ihre Grenzen respektiert.

Warum eine realistische Zielzeit so wichtig ist

Die Zielzeit ist keine Zahl für das Ergebnisprotokoll, sondern die Steuergröße für das ganze Rennen. Sie bestimmt dein Starttempo — und das Starttempo entscheidet über den Energiehaushalt: Schon zehn Sekunden pro Kilometer zu schnell auf der ersten Hälfte kostet beim Marathon erfahrungsgemäß das Doppelte auf der zweiten. Eine Analyse von über zwei Millionen Marathon-Ergebnissen zeigt: Läufer, die die erste Hälfte schneller laufen als die zweite, verlieren im Schnitt sieben bis zehn Minuten gegenüber einem gleichmäßigen Rennen.

Auch das Training hängt an der Zielzeit: Renntempo-Blöcke, Schwellenläufe und die Pace im Tapering richten sich alle nach dem geplanten Wettkampftempo. Wer mit einer Fantasie-Zielzeit plant, trainiert wochenlang an der falschen Stellschraube.

Die Riegel-Formel: der Klassiker

Die bekannteste Methode stammt vom amerikanischen Forscher Pete Riegel (1977):

T2 = T1 × (D2 ÷ D1)1,06

T1 ist deine Bestzeit über die Distanz D1, T2 die prognostizierte Zeit über D2. Der Ermüdungsexponent 1,06 drückt aus, dass das Tempo mit wachsender Distanz um etwa sechs Prozent pro Verdopplung abfällt. Ein Beispiel: Du läufst 10 km in 50:00 Minuten (5:00/km) und willst deine Halbmarathon-Zeit wissen. Der Distanzfaktor ist 21,1 ÷ 10 = 2,11; hoch 1,06 ergibt rund 2,20. Prognose: 50:00 × 2,20 = 110 Minuten, also etwa 1:50 Stunden.

Die Formel funktioniert so gut, weil sie auf realen Wettkampfdaten Tausender Läufer kalibriert wurde — vom 5-km-Lauf bis zum Marathon. Sie ist die Grundlage praktisch aller Online-Rechner und der Prognose-Tabellen in Trainingsplänen.

Beispielrechnung: Von 10 km auf Marathon

Ein Blick auf die gängigen Umrechnungen zeigt, wie die Formel arbeitet. Ausgangspunkt: 10 km in 50:00 Minuten, aus einem echten Wettkampf auf flacher Strecke.

  • 5 km: 50:00 × (5 ÷ 10)1,06 ≈ 23:58 — die kürzere Distanz erlaubt rund 4:47/km.
  • Halbmarathon: ≈ 1:50:20, also Tempo 5:14/km.
  • Marathon: 50:00 × (42,2 ÷ 10)1,06 ≈ 3:42 Stunden, Tempo 5:16/km.

Auffällig: Vom Halbmarathon auf den Marathon verliert die Prognose kaum Tempo — genau hier liegt die Falle. Die Formel geht davon aus, dass du für die Zieldistanz vollständig trainiert bist. Wer auf 10-km-Basis trainiert und „einfach mal" einen Marathon läuft, wird die 3:42 um 15 bis 25 Minuten verfehlen. Wer dagegen einen sauberen 16-Wochen-Marathonplan mit langen Läufen über 30 km absolviert, trifft den Wert oft auf die Minute.

Wann die Formel lügt

  • Falsche Referenz. Eine Trainingsbestzeit vom flachen Radweg bei Rückenwind ist kein Wettkampfergebnis. Verwende nur Zeiten aus echten Rennen oder ehrlichen Zeitläufen auf vergleichbarem Profil.
  • Zu großer Sprung. Von 5 km auf den Marathon extrapolieren funktioniert statistisch schlecht. Faustregel: Die Zieldistanz sollte höchstens das Vierfache der Referenzdistanz betragen. Für den Marathon ist eine Halbmarathon-Zeit die beste Basis.
  • Fehlende Spezifität. Die Prognose setzt spezifisches Training voraus — für den Marathon heißt das lange Läufe und Marathon-Tempo-Blöcke, für den Radmarathon lange Einheiten in der aeroben Zone.
  • Umweltbedingungen. Hitze über 18 Grad, Wind, Höhenmeter: Alles, was die Formel nicht kennt, kostet real zwei bis fünf Prozent Zeit.

Alternative Methoden: Critical Speed und Testrennen

Wer es genauer will, nutzt den Critical-Speed-Ansatz: Aus zwei maximalen Zeiträdern über drei und zwölf Minuten berechnest du die Geschwindigkeit, die du theoretisch unbegrenzt halten kannst. Deine realistische Renntempo liegt bei 90 bis 95 Prozent davon — je länger die Distanz, desto näher an 90. Der Vorteil: Critical Speed misst deine aktuelle Schwellenleistung direkt, ohne über Distanzen zu extrapolieren.

Die praxisnächste Methode bleibt das Testrennen: ein 10-km-Wettkampf vier bis sechs Wochen vor dem Halbmarathon, ein Halbmarathon acht Wochen vor dem Marathon. Testrennen liefern nicht nur eine Zahl, sondern auch die Erfahrung, wie sich Renntempo unter Wettkampfstress anfühlt — Dinge, die keine Formel abbildet.

Von der Zielzeit zum Renntempo

Die prognostizierte Zielzeit ist erst der Anfang — daraus leitest du dein Kilometertempo ab und daraus die Pace-Strategie für das Rennen. Für die meisten Freizeitläufer ist ein gleichmäßiges Tempo („even pace") oder ein leicht negativer Split die sicherste Wahl. Nimm die Formel-Prognose, rechne damit dein Renntempo aus und teste es im Training: Drei bis vier Wochen vor dem Rennen solltest du zwölf bis fünfzehn Kilometer im Marathontempo laufen können, ohne dass die Herzfrequenz in den Schwellenbereich klettert. Gelingt das nicht, ist die Zielzeit zu ambitioniert — besser jetzt korrigieren als auf Kilometer 30.

Ein bewährtes Vorgehen ist das A-B-C-Ziel: A ist deine Traumzeit, wenn alles perfekt läuft; B ist die Riegel-Prognose; C ist eine Zeit, mit der du auch bei schwierigem Tag zufrieden bist. So verankerst du die Prognose mental, ohne das ganze Rennen an einer einzigen Zahl aufzuhängen.

Die fünf häufigsten Fehler bei der Zielzeit-Planung

  • Wunsch statt Rechnung. „Unter 4 Stunden" klingt besser als 4:07 — aber der Körper interessiert sich nicht für runde Zahlen. Plane mit dem, was deine Daten sagen.
  • Veraltete Referenz. Die Bestzeit von vor drei Jahren zählt nicht. Die Referenzzeit sollte nicht älter als drei bis sechs Monate sein und zum aktuellen Trainingszustand passen.
  • Prognose als Starttempo. Wer die berechnete Zielzeit zu hundert Prozent als Tempovorgabe nimmt, hat keine Reserve für Wetter, Profil oder einen durchschnittlichen Tag. Ziehe ein bis zwei Prozent ab.
  • Testrennen überschätzen. Eine Top-Zeit im Testrennen nach vollem Tapering ist nicht übertragbar, wenn vor dem Hauptrennen kein Tapering geplant ist — plane realistisch ein.
  • Nur eine Zahl im Kopf. Ohne B- und C-Ziel wird jede kleine Schwäche im Rennen zur mentalen Krise. Flexible Ziele halten die Motivation bis ins Ziel.

Wie Peakora deine Zielzeit ableitet

Peakora rechnet nicht mit einer starren Formel, sondern mit deinen Daten: Die Engine analysiert deine dokumentierten Einheiten, erkennt deine aktuelle Leistungsfähigkeit und leitet daraus realistische Tempokorridore für jede Trainingseinheit ab — inklusive des Renntempos für dein A-Rennen. Weil sich die Prognose mit jedem eingetragenen Training aktualisiert, siehst du über die Wochen, ob du auf Kurs bist. Das macht die Zielzeit-Planung besonders im Marathon-Training wertvoll, wo eine falsche Pace-Vorgabe zwölf Wochen Arbeit zunichtemachen kann. Die zugrunde liegenden Begriffe — etwa Ermüdungsexponent oder Critical Speed — erklärt das Trainingslexikon kompakt.

Häufige Fragen zur Rennzeit-Vorhersage

Wie genau ist die Riegel-Formel?

Für Ausdauerleistungen zwischen 5 km und Marathon trifft die Riegel-Formel bei gut trainierten Läufern meist auf zwei bis drei Prozent genau zu. Voraussetzung ist, dass die Referenzzeit aus einem maximalen Wettkampf oder Test stammt und die Zielstrecke nicht mehr als etwa das Vierfache der Referenzdistanz beträgt.

Kann ich aus meiner 10-km-Zeit meine Marathonzeit berechnen?

Ja, aber nur mit Abschlag: Die Riegel-Formel sagt aus 50 Minuten auf 10 km etwa 3:42 Stunden für den Marathon voraus. Ohne gezieltes Marathontraining mit langen Läufen liegst du realistisch eher bei 3:50 bis 4:00. Die Formel setzt voraus, dass du für die Zieldistanz spezifisch trainierst.

Was ist besser: Riegel-Formel oder Critical Speed?

Für Distanzen bis zum Halbmarathon ist Critical Speed präziser, weil es deine tatsächliche Schwellenleistung misst statt zu extrapolieren. Für den Marathon liefert die Riegel-Formel aus einer aktuellen Halbmarathon-Zeit die praxisnäheren Werte. Ideal ist die Kombination beider Methoden.

Warum war meine Prognose im Rennen falsch?

Die häufigsten Gründe sind Hitze, ein hügeliges Profil, ein zu schneller Start und fehlendes Fueling. Die Formel kennt nur deine Leistungsfähigkeit, nicht die Rennbedingungen. Plane bei Temperaturen über 18 Grad oder hügeliger Strecke zwei bis fünf Prozent langsamer.

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